Hier ist eine weihnachtliche Geschichte aus
dem palästinensischen Bergdorf At-Tuwani

Hier ist eine weihnachtliche Geschichte aus
dem palästinensischen Bergdorf At-Tuwani -
nicht mehr als 25km von Bethlehem entfernt,
die nicht so ist, wie man sich eine
Weihnachtsgeschichte vorstellt. Und dennoch:
Frau, Esel, fremde Besatzungssoldaten,
Unterwegssein, all diese Elemente gehören zu
dem Geschehen, das uns Jahr für Jahr
Weihnachten feiern lässt. Und nun der
Bericht aus At-Tuwani, der mich heuer an
Weihnachten erinnert.
Keine Gewinner
Die
israelisch kontrollierte Straße 317
durchschneidet den einzigen Weg, der von
At-Tuwani aus in die größeren Städte der
Umgebung führt. Es ist eine belebte
Kreuzung. PalästinenserInnen aus At-Tuwani
und den umgebenden Dörfern kommen hier
entlang, um Familienangehörige zu besuchen,
einzukaufen oder Dienstleistungen im nahe
gelegenen Karmil oder Yatta aufzusuchen.
Am
4. Dezember gab es eine der häufigen
israelischen militärischen Straßensperren
an dieser Kreuzung. Es war früher
Nachmittag, und als wir dort ankamen,
hatten die Soldaten sowohl einige
palästinensische Fahrzeuge wie auch
FußgängerInnen auf beiden Seiten der Straße
317 gestoppt. Wir erkundigten uns bei den
Soldaten nach den Vorkommnissen und wurden
informiert, dass ein Wettrennen stattfinden
solle. Diese Erklärung erschien uns
plausibel, bis wir israelische Fahrzeuge
bemerkten, die auf der Straße entlang
fuhren. Wir stellten die Schließung der
Straße infrage. „Es werden nur Palästinenser
gestoppt“ antwortete ein Soldat, und, als
wir ihn nach dem Grund fragten, antwortete
er: „Weil wir im Dienst sind.“ Der zweite
Soldat schaute zu und grinste.
Ich
spürte meinen Ärger angesichts dieses
unverfrorenen Rassismus’ und der Arroganz
der Soldaten, und ich musste einen Schritt
zurückgehen. Auf diese Soldaten konnte ich
mich nicht in konstruktiver Weise einlassen.
Ein CPT-Kollege machte weiter im Gespräch
mit den Soldaten, und es gelang ihm, die
wartenden PalästinenserInnen einzubeziehen.
Mein Ärger ließ nach, und es war gut, diesen
Austausch zu erleben.
LäuferInnen liefen vorbei, begleitet von
einem ständig fließenden Verkehr
israelischer Fahrzeuge. Dann war das
Wettrennen zu Ende.
à
Als
wir darauf warteten, dass die Soldaten die
Straße wieder öffnen sollten, sahen wir zwei
israelische Soldaten, die eine Frau mit zwei
Kindern auf einem Esel anhielten. Sie hatte
die Straße überquert und versuchte, mit
ihrem kranken Kind nach Haus zu kommen. Ich
ging zu ihnen hin, während ich damit zu tun
hatte, meinen Ärger unter Kontrolle zu
bringen, wohl wissend, dass ärgerliche Worte
nutzlos wären. Die Frau bat die Soldaten
inständig darum, ihr den Heimweg zu erlauben
und erklärte, dass ihr Kind krank sei. Der
jüngere Junge war offensichtlich krank - er
hängte sich an seine Mutter und schluchzte
an ihrer Schulter. Es war ein ergreifender
Anblick. Ich sprach mit den Soldaten. Sie
blieben augenscheinlich teilnahmslos und
weigerten sich, der Frau die
Passier-Erlaubnis zu geben. Ich verhandelte
mit ihnen. „Wie würde es Ihnen ergehen, wenn
dies Ihr Kind wäre?“ fragte ich, “was wäre,
wenn dies Ihr kleiner Bruder wäre, würden
Sie ihn nicht nach Hause gehen lassen?”
Als
ich den Blick von der Frau und ihrem Kind zu
den Soldaten wendete, sah ich deren
Unbehagen. Sie konnten nicht zu dem kranken
Kind hinschauen. Sie blickten weder die
Mutter noch mich an, als wir mit dem Bitten
weiter machten. Ein Soldat sprach ins
Funkgerät. Ich hatte den Eindruck, er suche
eine Erlaubnis, die Frau und ihre Kinder
durch zu lassen. Mein Ärger schwand, und ich
spürte nur Traurigkeit für diese jungen
Soldaten, die zu solch unmenschlichen
Handlungen gezwungen waren. Schlussendlich
erlaubten sie der Frau, mit ihren Kindern
nach Hause zu gehen, und nach kurzer Zeit
öffneten sie auch die Straße wieder.
Danach wurde ich überwältigt von einem
Gefühl der Traurigkeit. Über die Frau und
das Kind, über die beiden Soldaten und über
den Schaden, den solch willkürlicher
Machtmissbrauch menschlichen Beziehungen
zufügt.
Hierbei gibt es keine Gewinner.
Jan Benvie, CPT At-Tuwani, 13. Dezember 2007
– übers. Ilse Mühlsteph, CPT
Ich bin überzeugt,
dass Gott, als er Mensch wurde, genau diese
Traurigkeit der Geschichte nicht aus
seiner Liebe zu uns Menschen aussparte.
Und das ist der
Ursprung meiner Hoffnung.
Darum wünsche ich
euch den weihnachtlichen Segen auch für das
vor uns liegende Jahr, Eure Ilse